Villa Wieser mit Dorfbrunnen

Kultur in Herxheim

"Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern Kunst macht sichtbar" (Paul Klee)

9 Der Goldene Adler

Der Goldene Adler

Beim Ochsenwirt und beim Adler gabs einen Stammtisch, dort waren die auswärtige Leut aus Frankfurt un Darmstadt. Die sinn wegen Akkord Radio gekomme. Die haben Asbach getrunken, und der Herr Blume, der hot de Puschkin noch Herxe gebrocht. (Erinnerung 1955)

Wissen für schlaue Köpfe

Die Bronzeplastik erinnert an das einstige Gasthaus „Zum Goldenen Adler“ und markiert dessen früheren Standort.
Die Bronzeplastik erinnert an das einstige Gasthaus „Zum Goldenen Adler“ und markiert dessen früheren Standort.

Früher war es ein ganz besonderes Erlebnis, mit der Familie in einer Gastwirtschaft, heute sagt man Restaurant, einzukehren. Es gab gutes Essen, man traf Freunde und Verwandte. Die Kinder durften sogar Cola oder Fanta trinken, das gab es nämlich zuhause nie. Die Menschen machten keine Urlaubsreisen und nur manchmal Ausflüge. Deshalb war der Gasthausbesuch eine große Abwechslung für alle.

Oft hatten die Gaststätten tierische Namen: Zum Hirschen, Zum Ochsen, Zum Bären oder unser Beispiel „Zum Goldenen Adler“. Es war eine Tradition, dass man Tiere, die es auf den Wappen gab, für den Namen benutzte.

Es wurden meist Tiere ausgewählt, die als besonders stark, stolz oder listig galten. Deswegen gab es wohl nie eine Gaststätte „Zur Ameise“.



Weiterführende Information 

  • Früher trug man das Geld in die Wirtschaft – heute zur Bank

    Bis in die 1950er Jahre waren Gasthäuser das Zentrum des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens in den Dörfern. In Herxheim gab es ca. 20 Gaststätten, in den 1930ern und 1940ern waren es noch um die 50 gewesen. Vorzugsweise lagen die Wirtschaften an einer Straßenecke.

    In den „Wirtschaften“, pfälzisch „Wertschafde“, trafen sich die Männer zum Stammtisch, Vereine hielten ihre Sitzungen ab, es wurden Familienfeste und Fastnacht gefeiert. Notarsprechstunden, Verkaufsvorführungen und Vorträge fanden statt. Es war lange auch ein politisches Statement, je nachdem in welcher Wirtschaft man verkehrte. Gegessen wurden in den Wirtschaften selten – es gab dazu keine Nachfrage im Dorf, da Hausschlachtungen lange Zeit noch üblich waren. Man ging nur an Maimarkt und Kerwe auswärts essen, auch für große Familienfeiern nutzte man das Angebot.

    An der Oberen Hauptstraße 47 und 49 standen der „Goldene Adler“ und der „Ochse“ dicht nebeneinander, fast wie eine kleine Festung. Das Haus „Zum Goldenen Adler“ hatte die längste Straßenfront im Ort. Auf dem Grundstück war ab den 1940er Jahren die Wäscherei Kleiner und die Metzgerei Fink untergebracht. Einige Wirtshäuser wie der „Goldene Adler“ oder der „Bayrische Hof“, boten mit ihren großen Tanzsälen Raum für Tanzveranstaltungen, Theater und Musik.

    Die Männer sin in die Wirtschaft gange, mer Mädle sin amol ins Cafe oder dehäm gebliebe. (Erinnerung 1955)

    Der Tanzsaal im Obergeschoss des Goldenen Adlers wurde mehrmals umfunktioniert. In den Jahren 1940-45 wurde er zu einem Schlafsaal für Kriegsgefangene. Nach dem Krieg war er für kurze Zeit die erste Produktionsstätte der Firma Akkord Radio.

    1958 wurden die Gaststätte und die dazugehörende Metzgerei von Friedel und Magdalena Fink übernommen. Familie Fink berichtete, dass in den frühesten Anfängen im Haus eine Brauerei und ein Kolonialwarengeschäft untergebracht gewesen waren. Der benachbarte „Ochse“ schloss in den 1960er Jahren. An seiner Stelle wurde 1966 der Neubau der Raiffeisenbank als Filialbank der heutigen VR Bank Südliche Weinstraße–Wasgau errichtet. Der „Goldene Adler“ bestand bis 2001;  2011 wurde auch dieses Haus abgerissen – die Raiffeisenbank erweiterte daraufhin ihre Räumlichkeiten.

  • Akkord Radios – Musik zum Mitnehmen

    Caterina Valente mit einem Akkord-Radio. 
    Caterina Valente mit einem Akkord-Radio. 

    Die Brüder Hans und Karl Jäger, zwei wahre Unternehmerpersönlichkeiten, hatten 1948 begonnen, in Offenbach am Main eine erste Radiofabrik mit tragbaren Kofferradios aufzubauen. Das erste Modell hieß „Camping“. Schon 1953 gab es eine erste Kontaktaufnahme mit dem damaligen Bürgermeister Albert Detzel. Herxheim wurde als idealer Standort für den Neubau einer großen Fabrikationsstätte betrachtet. Die Verhandlungen liefen gut, man kam den Brüdern mit sehr guten Konditionen entgegen. Im April 1955 konnten die ersten Spulensätze und Wellenschalter im Tanzsaal des „Goldenen Adler“ hergestellt werden. Schon ein Jahr später begann die Produktion im neu erbauten Werk an der St.-Christophorus-Straße mit 300 Beschäftigen (heute Möbel Ehrmann). In ganz Deutschland wurde über Annoncen Fachkräfte und Techniker gesucht. Es kamen viele.








    Die Fremde sind hergekomme und hän gemeint, sie müsse uns Kultur hertrage un Ordnung mache.
    Im Adler und in der Sonn, dort wo das Kino war, haben wir oft gesesse.
    In Herxe hatte sich rumgesproche, dass es bei Akkord Arbeitsplätze gibt. Do hänn die Frauen die Hacke aufm Feld hingeschmisse und sin in die Fawwerik gerannt.

    1960/61 bringt Akkord eine Sensation auf den Markt: ein kleines Radio, verwendbar als Autoradio zum Herausnehmen. Die Modelle hatten Namen wie Peggy, Kessy und Filou. In Herxheim und einigen Zweigbetrieben waren mittlerweile bis zu 1500 Menschen beschäftigt. Man hatte sogar in Griechenland, Spanien, Algerien und Portugal erste Gastarbeiter angeworben. Ab 1969 begann der Abbau der Arbeitsplätze. Die technischen Neuerungen waren  schnell vorangeschritten und die Konkurrenz war stark.

    Musik zum Mitnehmen: Das erste tragbare Kofferradio, ein Modell aus dem Haus Akkord. 
    Musik zum Mitnehmen: Das erste tragbare Kofferradio, ein Modell aus dem Haus Akkord. 
    Musik zum Mitnehmen auch im Auto. 
    Musik zum Mitnehmen auch im Auto. 

    Die außergewöhnliche Erfolgsgeschichte der Firma Akkord entpuppte sich als großes Glück für den Ort. Die Ansiedlung brachte Herxheim wirtschaftlich an die Spitze der Gemeinden in der Südpfalz.